Yo soy Chavez, tu eres Chavez, todos somos Chavez

 

Erschienen bei AH am 7.3.2013
(Ich bin Chavez, du bist Chavez, alle sind wir Chavez)
Lisa Sullivan
7. März 2013
Übersetzung Remo Santini
 
In den letzten Stunden überquillt mein Mailbriefkasten mit Kondolenzschreiben aus El Salvador, Haiti, Chile, Kalifornien, Oregon, Spanien, Michigan, Italien, Nordkarolina, Costa Rica, Miami, Nicaragua, Japan, Honduras und inzwischen beinahe von überall her, die ihre Solidarität mit meinem Verlust ausdrücken. Die Mitteilungen sind tiefgründig und persönlich. Es ist als wäre Chavez mein Vater.
Die Wahrheit ist, Chavez ist mein Vater, und er ist der Vater all meiner venezolanischen Landsleute, mit denen ich das ungeheure Privileg gehabt habe, mein Leben mit ihnen zu teilen und meine Kinder während so vielen Jahren in diesem wunderschönen und großzügigen Land aufzuziehen. Zwanzig dieser achtundzwanzig Jahre sind zu einem großen Teil von Chavez bestimmt worden.
Als ich gestern die Nachricht von Chavez Hinschied bekam, war das einzige Gefühl, das ich beschreiben kann, das, plötzlich zu einer Waise geworden zu sein. Ich rief unverzüglich meine Tochter in Virginia an, da ich wusste, sie würde es verstehen. Vor mehreren Jahren, als wir für ihr letztes High-School-Jahr in die USA zogen, würde mir Maia sagen: Ich vermisse Papa so sehr. Und ich vermisse Chavez. Ich vermisse es, seine Stimme am Fernsehen zu hören, wenn ich schlafen gehe. Ich fühlte mich so behütet, so als könne mir nichts geschehen, als könne Venezuela nichts geschehen.
Tatsächlich fühlten sich die Menschen von Venezuela, die Menschen in Lateinamerika, die Menschen in der Karibik plötzlich verwaist werden von jenen starken und mächtigen Armen, die uns an seinem Herzen hielten, wie bei einem Mann, der sein verletzlichstes Kind vor einem tobenden Sturm verteidigt. Er glaubte an uns. Er erzählte uns Geschichten und sang uns Lieder vor und erinnerte uns an unsere einmalige und ehrwürdige Geschichte. Er bestätigte und hielt unsere besten Qualitäten hoch; er sagte uns, wir seien so schön wie die Sterne, so strahlend wie die Sonne, so frei wie der Wind, so tief wie der Ozean und so mächtig wie alle Kräfte im Universum.
Und nun ist er gegangen. Aber als ich gestern Abend und heute Morgen wie Millionen anderer Venezolaner durch die Straßen ging, um Fremde zu umarmen und in ihren Armen zu weinen, habe ich auch gesehen, dass wir gewachsen sind. In jenen zwei Jahrzehnten Präsenz in der venezolanischen Öffentlichkeit und vierzehn Jahren an der Spitze der Regierung hat uns Chavez das kostbarste Geschenk gegeben, das ein Ersatzverwandter schenken kann: Das Geschenk des Erwachsenseins. Lassen Sie hier keinen Zweifel bestehen: das venezolanische Volk ist volljährig geworden. Chavez ist gegangen, aber was in jeder Straße und auf jedem Platz erklingt, ist: Yo soy Chavez – ich bin Chavez. Ich bin der Führer, der Träumer, der Visionär, der Lehrer, der Verteidiger der Gerechtigkeit, der Weber einer neuen Welt, die möglich ist.
Dieser Satz brachte mich zurück ins Jahr 2005, als ich eine Nonne besuchte, die in einem auf einem Hügel gelegenen Barrio (Elendsquartier) in Caracas lebte, in einem von jenen Tausenden von Barrios, in die die Venezolaner wie unerwünschter Abfall gedrängt wurden. Kein Wasser, kein Abwassersystem, keine Schulen, keine Straßen. Ihr Name war Begonia, und sie erzählte mir, wie sie während Stunden gegangen sei, um Chavez vorbeigehen zu sehen. Wenn sie von den anderen Nonnen gehänselt wurde, eine „Chavista“ zu sein, sagte sie: Ich bin keine Chavista, hingegen ist Chavez ein „Begonista“. Er glaubt an alle Dinge, die mir während Jahrzehnten teuer waren: die Würde der Armen, das Recht des Blinden zu sehen und jene in Ketten befreit.
Zwei Tage nachdem ich Begonias Geschichte gehört hatte, lud mich Chavez selbst ein, mit ihm zu sprechen, zusammen mit Fr. Roy Bourgeois. Er hatte uns am Fernsehen über die Basisbewegungen und über die Schließung der SOA* sprechen hören und wollte mehr darüber wissen. Und so fand ich mich selbst im Präsidentenbüro wieder, gegenüber einem Mann, der für seine langen Reden bekannt war, und sprach mit dem besten Zuhörer, der mir je begegnet war. Chavez war von Roys Geschichte fasziniert, der so sehr an seine Sache glaubte, dass er bereit war, dafür ins Gefängnis zugehen, er war gefesselt von meinem Spanisch mit venezolanischem Akzent und von meiner Entscheidung, meine Kinder in einem Barrio aufzuziehen. Er erkundigte sich über alle Interessengebiete meiner Kinder und stellte sicher, dass er ihre Namen richtig buchstabierte, als er für jedes ein Poster signierte.
[* Am. Militärschule, wo Tausende von südamerikanischen Militär- und Polizeiangehörige in Folter- und Repressionsmethoden ausgebildet wurden (AdÜ).]
Oh, und dann befahl er den venezolanischen Militärangehörigen, mit ihrer Ausbildung an der SOA aufzuhören. Trotzig das Tor öffnend, damit fünf weitere Länder dem Beispiel folgen konnten.
So war Chavez. Zutiefst persönlich, feierlich, herzlich und gewillt, sich bis zum Äußersten einzusetzen, um ungeachtet der Konsequenzen klar für Gerechtigkeit einzustehen. Dieses machtvolle Muskelspiel war es, was mich zuerst von ihm wegdrehen ließ. Da ich mein gesamtes Leben damit verbracht hatte, für den Frieden einzustehen, konnte ich es nicht nachvollziehen, einen Mann aus dem Militär als für die Führerschaft geeignet anzusehen, und noch weniger als Inspiration. Es brauchte Familie und Nachbarn, um mein Denken zu verändern: Schau, Chavez ist wie der Pilot am Steuer eines Bootes. Wir befinden uns auf diesem Boot, und wir bewegen uns stromAUFwärts (d.h., gegen die neoliberale Flut). Nicht flussabwärts. Wen willst du am Steuer? Einen höflichen Schwächling? Oder jemanden mit Muskeln?
Vierzehn Jahre später hatte Chavez das Boot so machtvoll und meisterhaft gesteuert, dass nicht nur andere Boote in seinem Kielwasser folgten, sondern seine Kraft war so mächtig, dass er buchstäblich den Flusslauf umgedreht zu haben schien. Wir schwimmen nun flussabwärts, auf einem Fluss von Unabhängigkeit, Souveränität, Würde, lateinamerikanischer Einigkeit, in einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich am kleinsten ist, in einem Land, dessen Einschreibungen an der Universität es mit jenen mehrerer europäischer Länder aufnehmen können, in einem Land, dessen Erdöl nun Schulen und Spitäler finanziert und nicht private Bankkonten in Miami füllt.
Vor vierzehn Jahren träumten die Nachbarn in meinem Barrio nicht davon, auf die Universität zu gehen und noch weniger, Ärzte in ihren Gemeinden zu werden. Vor vierzehn Jahren hatten meine Nachbarn in ihren Häusern aus Blech und Lehmziegeln praktisch keinen Platz und konnten sich kaum vorstellen, in einem geräumigen Haus mit drei Schlafzimmern und Innenbad zu wohnen, das fast nichts kostet. Vor vierzehn Jahren fühlten sich nur diejenigen auf der reichen Ostseite als wirkliche Bürger. Nun wissen wir, dass wir alle welche sind (Außenministerium und Pentagon seien vorgewarnt).
Als Chavez vor beinahe zwei Jahren zum ersten Mal seinen Krebs bekanntgab, wachte ich aus einer weiteren schlaflosen Nacht auf und hörte mir immer wieder seine Rede an. Er bezog sich auf ein Lied unseres geliebten Sängers und Liedermachers Ali Primero, der auch zu jung verstarb. Chavez wiederholte die Linien: Hay semerucos allà en el cerro y un canto hermoso para cantar (es gibt Kirschbäume da oben auf dem Hügel und ein schönes Lied zu singen). So viel Schönheit um uns herum, und so viel zu tun. Für jemanden, der jede freie Stunde mit dem Pflanzen von Bäumen auf einem Berg und mit dem Singen mit Kindern verbringt, fühlte sich das wie ein persönlicher Auftrag an.
Tatsächlich glaube ich, dies ist Chavez‘ wahrer Auftrag: Nehmt eure Leidenschaft an und teilt sie anschließend mit anderen. Wenn ihr Gitarre spielen könnt, lehrt einem Kind zu klimpern, wenn ihr Basketball liebt, spielt Basketball mit einem Jugendlichen. Wenn ihr ein Fahrrad reparieren könnt, lehrt dies einem arbeitslosen Freund. Wenn ihr Öl habt, dann teilt es mit jenen in Maine, die sich ihr Heizöl nicht leisten können, wenn ihr Ärzte habt, dann sendet sie dahin, wo es keine gibt. Feiert eure Schönheit, eure Geschichte, eure Würde und ehrt diese Qualitäten bei anderen: als Familie, als Nachbarn, als Länder, als Weltbürger.
Heute ist in Venezuela unsere Trauer tiefer als der Titicacasee, kälter als Patagonien, breiter als Amazonien und rüder als die Atacamawüste. Aber wir wissen, dass wir zusammen – als Venezolaner, als Amerikaner und Caribeňos – unbesiegbar sind.
Dies ist Chavez‘ Testament. Yo soy Chavez. Tu eres Chavez. Todos somos Chavez.

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