The Anti-Empire Report #114 (11. März 2013)

William Blum zum Tod von Hugo Chávez und zur US-außenpolitik

Der original Artikel in englisch. und

die deutsche Übersetzung von Josie Michael-Brünning (vielen Dank!)

Der “Anti-Empire Report” Nr.: 114

 

Von William Blum, veröffentlicht am 11. März 2013

 

Hugo Chávez

 

Ich schrieb einmal über den chilenischen Präsidenten Salvador Allende:

 

Washington kennt keine andere Häresie in der Dritten Welt als die von deren ureigenen Unabhängigkeit. Im Fall von Salvador Allende kam die Unabhängigkeit in einem besonders provokativen Gewand daher – als ein verfassungsgemäß gewählter Marxist, der die Verfassung weiterhin achtet. Das ging überhaupt nicht. Es rüttelte an den Grundfesten, auf denen der antikommunistische Turm gebaut ist: der innerhalb von Jahrzehnten sorgfältigst kultivierten  Doktrin, dass „Kommunisten“ die Macht nur durch Gewalt und Betrug ergreifen können, dass sie diese Macht nur durch Terrorisierung der Bevölkerung und Gehirnwäsche erhalten können. Es könnte nur eine Sache geben, die schlimmer wäre als ein Marxist an der Macht – ein gewählter Marxist an der Macht.

 

Es hat keine anderen im gesamten Universum gegeben als diejenigen, denen die „United States, Inc.“ gehören und sie betreiben, die Hugo Chavez lieber hätten tot sehen wollen. Er war schlimmer als Allende, schlimmer als Fidel Castro. Schlimmer als jeder Führer der Welt, außerhalb des amerikanischen Lagers, denn er äußerte sich in den stärksten Formulierungen gegenüber dem US-Imperialismus und dessen Grausamkeit. Wiederholt. Beständig. Er sagte Dinge, die Staatsoberhäupter nicht sagen sollten. Über George W. Bush vor den Vereinten Nationen auf schockierend persönliche Art. Überall in Lateinamerika, als er die Region zu einem Anti-US-Imperium-Block umorganisierte.

 

Langzeitleser dieses Reports wissen, dass ich alles andere als ein Anhänger von Verschwörungstheorien bin. Aber wenn jemand wie Chavez im frühen Alter von 58 Jahren stirbt, muss ich die Umstände hinterfragen. Unaufhörlicher Krebs, hartnäckige Atemwegsinfektionen, massive Herzattacke, eines nach dem andern… Es ist sehr wohl bekannt, dass die CIA während des Kalten Krieges eifrig an der Entwicklung von Substanzen arbeitete, die einen, ohne nachweisbar zu sein, töten könnten. Ich würde es begrüßen, wenn die venezolanische Regierung jede nur mögliche Untersuchung vornähme, um eine Autopsie durchführen zu lassen.

 

Schon im Dezember 2011, Chávez unterzog sich bereits einer Krebsbehandlung, fragte er sich laut: „Wäre es so seltsam, wenn sie eine Technologie zur Verbreitung von Krebs erfunden hätten, und wir hätten es seit 50 Jahren nicht gewusst?“ Der venezolanische Präsident sagte das an einem Tag, nachdem die argentinische linke Präsidentin, Cristina Fernández de Kirchner, verkündet hatte, sie habe die Diagnose Schilddrüsenkrebs erhalten. Dies geschah, nachdem drei andere prominente linke lateinamerikanische Führer eine Krebsdiagnose erhalten hatten: Brasiliens Präsidentin, Dilma Rousseff, Paraguays Präsident Fernando Lugo und der frühere brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva.

 

„Evo, nimm Dich in Acht. Correa sei vorsichtig. Wir wissen es nur nicht,“ sagte Chávez zu Boliviens Präsident Evo Morales und Rafael Correa, dem Präsidenten von Ecuador, beide Linke.

 

Chávez sagte, Fidel Castro, der selbst das Ziel Hunderter gescheiterter und of bizarrer Mordanschläge der CIA war, habe ihn gewarnt. „Fidel sagte mir immer: ‚Chávez, sieh dich vor. Diese Leute haben hochentwickelte Technologie. Du bist sehr leichtsinnig. Achte darauf, was du isst, was sie dir zu essen geben… nur eine kleine Nadel, und sie injizieren dir, ich weiß nicht was.’“ (1)

 

Als Vizepräsident Nicolas Maduro eine mögliche amerikanische Beteiligung an Chávez’ Tod annahm, nannte das US-Außenministerium die Unterstellung absurd. (2)

 

Verschiedene progressive US-Organisationen haben eine Rechtsklage nach dem „Freedom of Information Act“ gegen die CIA eingereicht, sie beantragen die Freigabe „jeder Information über Pläne zur Vergiftung von Präsident Hugo Chávez oder andere Mordanschläge auf ihn, der gerade verstorben ist.“

 

Ich persönlich glaube, dass Hugo Chávez von den Vereinigten Staaten ermordet wurde. Wenn seine Krankheit und sein Tod NICHT herbeigeführt worden wären, hätte die CIA – die auf mehr als 50 ausländische Führer Mordanschläge verübt hat, viele davon erfolgreich (3) –  ihren Job nicht erledigt.

 

Als Fidel Castro vor Jahren erkrankte, waren die amerikanischen Massenmedien unerbittlich in ihrer Meinung hinsichtlich dessen, ob das kubanische sozialistische System nach seinem Tod überleben könne. Die selben Spekulationen gibt es jetzt hinsichtlich Venezuelas. Das Yankee-Hirn kann nicht glauben, dass sich große Menschenmassen vom Kapitalismus abwenden, wenn ihnen eine gute Alternative geboten wird. So etwas könnte doch nur das Resultat eines Diktators sein, der die Öffentlichkeit manipuliert, alles hinge es nur von einem Mann ab, dessen Tod dann das Ende des Prozesses markierte.

 

Es ist das Ende der Welt … wieder einmal

 

Der letzte Kongress des Komitees für Israelische Öffentliche Angelegenheiten (AIPAC) in Washington hielt das übliche Endzeit-Gerede hinsichtlich Irans drohendem Nuklearwaffenbesitzes ab und mit Rufen nach der Bombardierung des Landes, bevor sie Israel und/oder die Vereinigten Staaten mit Atomwaffen angriffen. Daher muss ich alle daran erinnern, dass diese Leute – die israelischen und amerikanischen Beamten – in Wirklichkeit keinen iranischen Angriff fürchten. Hier sind einige ihrer vielen früheren Erklärungen dazu:

 

2007 sagte die israelische Außenministerin Tzipi Livni, dass nach ihrer Meinung, „iranische Nuklearwaffen keine existenzielle Bedrohung für Israel darstellten.“ Sie „kritisierte auch die übertriebene Gewohnheit, wie die des [Israels] Premierministers Ehud Olmert die Angelegenheit iranischer Bomben zu nutzen, da er erkläre, er versuche die Öffentlichkeit um ihn herum zu mobilisieren, indem er mit ihren größten Ängsten spiele.“ (4)

 

2009 berichtete die Washington Post (5. März): „Ein höherer Beamter in Washington“ habe versichert, es sei „unwahrscheinlich, dass der Iran seine Raketen zu einem Angriff [auf Israel] einsetzt wegen der Gewissheit des Gegenschlags.“

 

2010 berichtete die Sunday Times in London (10. Januar), dass der Brigadegeneral Uzi Eliam, Kriegsheld, Pfeiler des israelischen Verteidigungsestablishments und früherer Generaldirektor der israelischen Atom-Energie-Kommission „glaubt, dass der Iran wahrscheinlich noch sieben Jahre brauche, um Atomwaffen herzustellen.“

 

Im Januar 2012 teilte der US-Verteidigungsminister Leon Panetta einem Fernsehpublikum mit: „Versuchen sie [im Iran] Atomwaffen zu entwickeln? Nein, aber wir wissen, dass sie versuchen, die nukleare Befähigung dazu zu entwickeln.“ (5)

 

[Es folgen weitere Zitate, die Belegen, dass in Wirklichkeit niemand der israelischen und US-Poltiker einen iranischen Atomangriff fürchtet., An.m. d. Üb.]

 

Osama Bin Laden, Bradley Manning & William Blum

 

Über Bradley Mannings Haupt schwebt die Anklage „Aiding the enemy“ [Beihilfe für den Feind]. Dies könnte zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe führen. Soweit man es daraus ableiten kann, glaubt die Regierung, dass die Dokumente und Videos, die Manning an Wikileaks weitergegeben hatte, die Wikileaks dann an internationale Medien weiterverbreitete, dem Feind halfen, weil es die US-Außenpolitik in ein sehr schlechtes Licht rückte.

 

Mannings Anwälte haben die Staatsanwaltschaft mehr als einmal um spezifische Beispiele dafür gebeten, wie „dem Feind“ (wer immer damit in einer Welt voller Menschen, die wegen all’ der schrecklichen Aktionen der US-Regierung auf die Vereinigten Staaten bitterböse sind, gemeint sein könnte) durch die Wikileaks-Enthüllungen „Beihilfe“ geleistet worden sein könnte. Also, wie hat der Feind jetzt von dem veröffentlichten Material Gebrauch gemacht, um den Vereinigten Staaten zu schaden? Die Regierung hat  keine Beispiele dafür geliefert, wahrscheinlich deshalb, weil, das, was Washingtons Beamte wirklich beunruhigt, die Verlegenheit ist, in die sie wegen der Dokumente und Videos vor der Welt gebracht wurden, über die tatsächlich sehr beschämenden Kriegsverbrechen, mit lauter Völkerrechtsverletzungen, Gräueltaten, zahlreichen Lügen gegenüber jedwedem, Enthüllungen großer Heuchelei und vielem mehr.

 

Daher erwägen unsere brillanten Beamten, Bradley Manning für immer ins Gefängnis zu stecken, denn sie wurden beschämt. Daran lässt sich schwerlich viel Falsches finden.

 

Doch jetzt hat die Staatsanwaltschaft verkündet, dass ein Navy Seal [verdeckt operierender Kriegsmarinesoldat], der an der Tötung von Osama Bin Laden beteiligt war, vor Gericht aussagen will, dass Bin Laden Artikel über Wikileaks-Dokumente besaß, die Manning weitergegeben hatte. Ja, gut, es muss Hundertmillionen anderer Leute in der Welt geben, die ähnliches Material auf ihren Computern haben. Die Frage bleibt: Welchen Gebrauch machte der Feind davon?

 

Die irakische Regierung machte Gebrauch davon, indem sie einführte, den US-Truppen für ihre im Irak begangenen Verbrechen keine Immunität mehr zu gewähren, wie beispielsweise für die kaltblütigen Ermordungen, die Wikileaks durch die Videos aufdeckte, das wiederum führte dazu, dass die USA die Beendigung ihres Militärengagements im Irak ankündigte. Manning wurde jedoch im Mai 2010 angeklagt, vor der Entscheidung des Iraks, die Immunität aufzuheben.

 

Im Januar 2006 erklärte Bin Laden auf einem Audioband: „Wenn Bush beschließt, mit seinen Lügen und seiner Unterdrückung fortzufahren, dann wäre es nützlich für euch, das Buch, ‚Rogue State’ [„Schurkenstaat“ von William Blum] zu lesen, das in seiner Einführung erklärt…“ Dann zitierte er weiter aus dem Beginn eines Abschnitts, in dem ich schrieb (der tatsächlich nur in dem Vorwort zur britischen Ausgabe steht, die später ins Arabische übersetzt wurde), der wörtlich so lautet:

 

„Wenn ich der Präsident wäre, könnte ich die auf uns verübten Terroranschläge in ein paar Tagen beenden und zwar dauerhaft. Ich würde mich zuerst entschuldigen … bei allen Witwen und Waisen, bei den Verarmten und den Gefolterten und bei den vielen Millionen Opfern des amerikanischen Imperialismus’. Dann würde ich verkünden, dass Amerikas globale Interventionen … beendet seien. Und ich würde Israel darüber informieren, dass es nicht mehr der 51. Staat der Union sei, sondern ein ausländisches Land. Ich würde dann das Militärbudget um mindestens 90% reduzieren und die Ersparnisse für die Entschädigung der Opfer der vielen amerikanischen Bombardierungen und Invasionen ausgeben. Wissen Sie, was einem jährlichen US-Militär-Budget entspricht? Also, dem von einem Jahr? Es entspricht über 20.000 $ pro Stunde, für jede Stunde, die seit Christi Geburt vergangen ist.

 

Dies alles würde ich in den ersten drei Tagen erledigen.

Am vierten Tag aber würde ich ermordet werden.”

 

Auf diese Weise machte sich Osama Bin Laden eindeutig zu nutze, was ich geschrieben hatte, und die ganze Welt konnte es hören. Und auf diese Weise habe ich eindeutig „dem Feind Beihilfe“ geleistet. Aber ich wurde nicht mit Strafe verfolgt.

 

Die Vereinigten Staaten würden gern einen direkten Nutzen und Vorteil „des Feindes“ durch das von Wikileaks veröffentlichte Material beweisen, doch bis jetzt scheint nur dessen Besitz beweisbar zu sein. In meinem Fall wurde die Nutzung und der mutmaßliche Propagandavorteil demonstriert. Die Tatsache, dass ich das Material schrieb, gilt aber, im Gegensatz zu dessen „Diebstahl“, für die Beihilfe für den Feind als irrelevant. Ich wusste es oder hätte es wissen sollen, dass meine Kritik an der US-Außenpolitik von den Gegnern dieser Politik genutzt werden könnte. Ja, klar, deshalb schreibe ich das. Um Munition für Antikriegs- und andere Aktivisten zu liefern.

 

Das US-Ministerium für Recht und Sozialismus

 

Seit vielen Jahren antworte ich, wenn ich gefragt werde, was ich unter Sozialismus verstehe, gewöhnlich ganz einfach: „Menschen gehen vor Profit.“ Es gibt Tausend und ein Detail, das man bei einer Transformation einer kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische in Betracht ziehen müsste, aber statt auf alles dies einzugehen, ist es viel einfacher, es bei diesem Motto zu lassen, dass die Essenz meiner sozialistischen Gesellschaft ausdrückt.

 

Daher war ich sowohl überrascht als auch amüsiert bei der Lektüre einer Nachricht über das derzeitige Verfahren in New Orleans, das unter anderem, das Ausmaß der Schuld verschiedener Firmen festzustellen versucht, insbesondere das von BP, das an dem historischen Unfall beteiligt war, der 11 Arbeitern das Leben kostete und geschätzte 172 Millionen Gallonen Rohöl in den Golf von Mexiko auslaufen ließ. Der US-Justizminister erklärte in seiner Eröffnung: „Das Beweismaterial zeigt, dass BP Profit vor den Menschen stellt, Profit vor die Sicherheit und Profit vor die Umwelt.“ (10)

 

Also, man stelle sich vor: Das Justizministerium fasste dass Verhalten der Großkonzerne. Der Anwalt wählte solche Worte, weil er wusste, dass sie an die Gefühle des Durchnittsamerikaners appellierten, die in einer Jury sitzen. Die Mitglieder der Jury würden so verstehen, dass BP bestimmte in Ehren gehaltene Ideale ignoriert und verletzt hatte, wie Menschen, Sicherheit und Umwelt. Eine Strafverfolgung dieses Konzerns würde daher fair und gerecht für sie klingen.

 

Jedoch, wenn jemand wie ich solche Gefühle ausspricht – und ich habe bei Gelegenheit genau die gleichen Worte benutzt – läuft er Gefahr als „Extremist“, „Radikaler“ und mit anderen Schandmalen abgestempelt und abgeschrieben zu werden, vor noch nicht langer Zeit war das als „Commie“.

Die Ironie geht sogar noch weiter. Wenn ein Konzern schamloserweise den Profit vor alles andere stellt, können Aktieninhaber die Leitung der Firmen vor Gericht verklagen.

 

Gerade aktuell! Warum der Papst zurücktrat!

 

Er verliert seinen Verstand.

 

Im Januar traf sich der US-Verteidigungsminister Leon Panetta mit Papst Benedikt XVI. um seinen Segen zu erhalten. Danach sagte Panetta der Pontifex habe ihm „Danke für die Hilfe beim Sicherheitserhalt der Welt.“gesagt. (11)

 

Die hohe Kunst des legalen Meuchelmords

 

Die Obama-„Hopeium“-Abhängigen [Wortspiel mit „hope“ und „opium“, gemeint sind wohl die von der Hoffnung auf Obama Abhängigen, Anm. d. Ü.] können bald aufgrund des Vorteils für die Umwelt zur Unterstützung für den wachsenden Drohneneinsatz des Präsidenten aufrufen. Mein Agent im Weißen Haus informiert mich, dass Obama verkünden wird, dass alle amerikanischen Drohnen bald aus zu 85% recyclebarem Material hergestellt und mit Solar-Energie betrieben werden. Und jede Drohnenrakete wird folgende Inschrift an ihrer Seite tragen: „Er war ein Schlimmer. Nimm unser Wort darauf.“

 

Fußnoten

 

  1. The Guardian (London), December 29, 2011
  2. Huffington Post, March 7, 2013
  3. http://killinghope.org/bblum6/assass.htm
  4. Haaretz.com (Israel), October 25, 2007; print edition October 26
  5. “Face the Nation”, CBS, January 8, 2012
  6. Washington Post, August 1, 2012
  7. Iran Media Fact Check, “Does Israel Consider Iran an ‘Existential Threat’?”
  8. The Guardian (London), January 31, 2012
  9. Political Correction, “American Enterprise Institute Admits The Problem With Iran Is Not That It Would Use Nukes”
  10. Associated Press, February 26, 2013
  11. Washington Post, January 17, 2013

Jedweder Teil dieses Reports kann ohne Erlaubnis, aber mit Namensnennung von William Blum als Autor und Link zu seiner Website, weiterverbreitet werden.

 

[Übersetzung: J. Michel-Brüning]

 

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