CUBAN FIVE „Sie werden heimkehren“

Ein Gespräch mit Ailí Labañino und Betina Palenzuelos über die Folgen des antikubanischen Terrors

aus GEHEIM Nr. 2/2012 von Ingo Niebel

Ailí Labañino sprach über ihre Erlebnisse als Tochter eines der Cuban Five auf dem Fest der Linken in Berlin, hier im

Bild mit Harri Grünberg (Netzwerk Cuba) und dem Prensa Latina-Korrespondenten Harald Neuber (v.r.n.l.)

 

 

 

Wie haben Sie die Zeit ohne Ihren Vater erlebt, den

Prozess und den Kampf für seine Freilassung?

Am Anfang gab es eine Zeit, wo totales Schweigen herrschte.

Als sie sie 1998 in Miami festnahmen , steckten sie sie für

17 Monate in Einzelhaft. Noch nicht einmal die Anwälte konnten

mit ihnen in Kontakt treten. Die Familien wussten von

nichts. Ich fragte meine Stiefmutter Elisabeth, die zweite Frau

meines Vaters, ob sie etwas wüsste, aber sie verneinte. Sie ging

davon aus, dass er in Spanien wäre. Diese 17 Monate stellten

auch eine Strafe für die Familien dar, weil wir nichts erfuhren.

Als man sie 2001 für schuldig erklärte, entschied man auf

Kuba eine Schlacht für ihre Befreiung national und international

zu schlagen. Damals sagte unser Oberbefehlshaber Fidel

Castro Ruz: „Volverán (Sie werden heimkehren). Ich weiss

nicht, wie viele Jahre diese Schlacht dauern wird, aber ich bin

davon überzeugt, dass sie heimkehren werden.“ Und das ist der

Geist, den er uns, den Familien, und den Fünf übermittelt hat.

Haben Sie Ihren Vater in den USA besuchen können?

Unter welchen Bedingungen geschah das?

Den einzigen, denen sie mehrmals die Visa verweigert haben,

waren die Ehefrauen von Gerardo und René. Am Anfang

konnten wir sogenannte „humanitäre Visa“ beantragen und es

gab keine Probleme, bis die USA entschieden, dass es in unserem

Fall nichts Humanitäres gäbe. Seitdem müssen wir die Einreiseerlaubnis

bei der US-Interessenvertretung in Havanna beantragen.

Das war schwierig, weil dort die Telefonanschlüsse

in der Regel besetzt waren. Dann dauerte es zwei bis drei Monate,

bis sie einen Termin für das obligatorische Gespräch gaben.

Dieses drehte sich um das Anliegen unserer Reise, wen

wir besuchen wollten usw. Es dauerte ein bis zwei Minuten…

Während sie in den übrigen Fällen sofort entscheiden, ob das

Visum erteilt wird oder nicht, heißt es bei uns, dass man

zunächst die Antwort des US-Außenministeriums abwarten

müsse. Im Anschluss müssen wir dann auf den Anruf der Interessenvertretung

warten, der innerhalb eines Tages oder nach

mehreren Monaten kommen kann. Das ist je nach Familie unterschiedlich.

In einem Fall dauerte es 17 Monate, bis sie anriefen.

Das ist eine Art, um die Fünf, die auf ihre Familien warten,

gefühlsmaÅNssig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eigentlich

haben sie das Recht, ein Mal pro Monat besucht zu werden.

Aber wir können das nicht machen, solange wir das Visum

nicht haben.

Das wiederum ist sechs Monate lang gültig, aber der Aufenthalt

ist auf 30 Tage begrenzt und ich darf nur in den Bundesstaat

reisen, wo man Vater inhaftiert ist. Ich kann also nicht

meine „vier Onkel“ in den USA besuchen. Nach meiner Rückkehr

nach Kuba muss ich ein neues Visum beantragen.

Jetzt kann es aber sein, dass wir aufgrund des Wetters unsere

Familienangehörigen nicht besuchen können. Zum Beispiel

wenn es nebelig ist, lassen sie aus Sicherheitsgründen keine

Besucher in die Haftanstalt, wo mein Vater einsitzt, weil er auf

dem Weg von der Zelle zum Besuchertrakt ein freies Feld überqueren

muss.

Ein weiteres Problem ist, wenn es unter den Gefängnisinsassen

zu Gewalttätigkeiten kommt, dann werden alle weggeschlossen

– und niemand darf besucht werden. Mir ist das 2008

passiert. In der Haftanstalt waren zwei Insassen ermordet worden.

Ich ging jeden Tag zum Gefängnis und bat um Einlass. Alles

umsonst. Mein Visum lief aus, ohne dass ich meinen Vater

besuchen konnte. Ich musste heimreisen und von Neuem ein

Visum beantragen. So musste ich insgesamt zwei Jahre warten,

bis ich meinen Vater wiedersehen konnte.

 

Vor der Festung Europa

Und wie sehen die Sicherheitsmassnahmen aus,

wenn Sie das Gefängnis betreten?

Personen, die älter als 16 Jahre sind, müssen ein Formular

mit ihren persönlichen Daten ausfüllen. Dort müssen wir auch

unterschreiben, dass wir keine Waffen mit uns führen und auch

kein Essen mitbringen. Man darf den Gefangenen nur Geld –

in Münzen oder in kleinen Scheinen – geben, weil sie das Essen

nur an Lebensmittelautomaten ziehen können. Die Besucher

aller Altersklassen müssen dann mehrere Metalldetektoren

durchlaufen und zuletzt gibt es noch eine UÅNberprüfung nach

toxischen Substanzen. Im Gefängnis meines Vaters wird jeder

siebte Besucher einer speziellen UÅNberprüfung unterzogen. Darüber

hinaus erhält jeder Besucher gleich welchen Alters einen

unsichtbaren Stempel, der nur unter ultraviolettem Licht sichtbar

ist. Der Besuch findet in einem großen Raum statt, in dem

mehrere Tische mit Stühlen stehen. Dort muss man dann auf

die Gefangenen warten, die sich bei der vorher stattfindenden

Durchsuchung komplett ausziehen müssen. Anschließend erhalten

sie orangene Flipflops, um zu verhindern, dass sie mit

den Besuchern die Schuhe tauschen, um Drogen zu schmuggeln

oder sie gegen Essen zu verkaufen. Hieraus resultieren

dann Streitigkeiten unter den Häftlingen um Geld, Schulden …

Was hat die internationale Solidarität aus Ihrer

Sicht erreicht?

Zu Beginn kamen alle in Strafhaft. Unsere Konsuln in den

USA informierten uns und unsere Regierung darüber. Wir beschlossen

daraufhin, zu intervenieren, um sie da raus zu holen.

Gerardo zum Beispiel schlossen sie nicht nur in einer Strafzelle

ein, sondern er kam auch noch in die sogenannte „Kiste“.

Das ist eine Strafzelle innerhalb einer Strafzelle. Sie heißt „Kiste“,

weil sie eine solche ist, mit Metallwänden, und in ihr

brennt 24 Stunden lang das Licht. Der Tagesablauf, also die Essenszeiten,

variieren täglich. So weiss der Gefangene nicht,

welcher Tag und wie spät es ist. Sie tragen eine kurze Hose und

vielleicht noch ein T-Shirt, obwohl es darin sehr kalt ist. Das

Essen ist auch kalt. In dem Raum gibt es nur ein Bett und ein

WC. Sie können sich weder waschen noch rasieren, solange

der Aufenthalt dort andauert.

Im Fall von Gerardo kam noch hinzu, dass das Abwasserrohr

aus der Zelle über ihm leckte. Deshalb erkrankte er an einem

Virus, der in dem Gefängnis grassierte.

Die internationale Kampagne zielte darauf ab, ihn aus dieser

Einzelzelle zu holen und ihn in den Regelvollzug zu verlegen.

Das schaffte man. Und nicht nur das: Als Gerardo aus der Zelle

kommt, bittet ein Wärter ihn, er möge nach Kuba telefonieren,

dass alles in Ordnung ist, weil hier und bei der US-Gefängnisverwaltung

Tausende von Menschen aus aller Welt angerufen

haben.

In solchen kritischen Situationen wie auch bei der teilweisen

Reduzierung der Haftstrafen hat man die internationale Solidarität

gespürt. Aber das reicht noch nicht, wir wollen, dass sie

alle zusammen heimkehren.

 

 

 

Betina Palenzuelos, Sie sind ein Opfer des antikubanischen

Terrorismus. Ihre Mutter Adriana Corcho starb zusammen

mit einem Kollegen bei einem Bombenanschlag auf die kubanische

Botschaft in Lissabon 1976. Was bedeutete für Sie

die Ermordung Ihrer Mutter?

Jeder Terrorakt ist grausam, hart, aber vor allem auf Kuba

gibt es viele Familien, die wie wir so etwas erleiden mussten.

Wenn wir die Leute zusammenzählen, die dadurch betroffen

sind, weil jemand gestorben ist, und die Unmenge an Leuten,

deren Leben durch die Folgen der Anschläge für immer geprägt

ist, dann kommen wir auf 6000 Personen. Das hat uns bei vielen

Dingen benachteiligt. In manchen Fällen waren es junge

Menschen, die keine Kinder hatten und deren Eltern heute nicht

mehr leben … Oder wir waren Kinder, Jugendliche, die ohne

ihre Eltern aufwuchsen … Einen Terrorakt zu erleben, ist hart

für eine Familie …

Sie mussten sich nach dem Tod ihrer Mutter, um ihre Geschwister

kümmern …

… es war eine moralische Verpflichtung, aber ich hatte meinen

Vater, meine Familie … deshalb war es eine moralische

Last.

Einer der Verantwortlichen für dieses Attentat soll Luis Posada

Carriles gewesen sein, der heute unbehelligt in den

USA lebt.

Das wissen wir nicht ganz genau, aber er hat gestanden, dass

er für die Bombe an Bord der Cubana de Aviación und für die

Attentate auf die Hotels in Havanna 1997 verantwortlich war.

Er hat öffentlich und in Interviews zugegeben, dass er diese

Anschläge begangen hat.

Hat man seinerzeit die näheren Umstände des Bombenanschlags

auf die kubanische Botschaft in Lissabon aufgeklärt?

Bis zu einem gewissen Punkt schon. Man identifizierte die

Person, die den Anschlag ausführte. Sie wurde sogar verurteilt.

Aber der Mann war nicht der, der das Attentat geplant hatte.

Die Gespräche führte GEHEIM-Redakteur Ingo Niebel auf

dem Fest der Linken in Berlin am 16. Juni 2012

 

 

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.