Castros Insel folgt dem Modell China

Wie jedoch die verstorbene Celia Hart, Tochter zweier Gründer der Bewegung 26. Juli, die die Revolution von 1959 anführte, in für sie charakteristischer Furchtlosigkeit und Klarheit sagte: »Sozialismus unterscheidet sich von früheren Systemen nicht nur durch die gerechtere Verteilung des Wohlstands. Neue Produktionsverhältnisse sollten zusammen mit einem neuen Bewusstsein entstehen, in dem die Arbeiter sich selbst als Handelnde, Kontrolleure und Eigentümer der materiellen Produktion begreifen.«

In Wirklichkeit entspricht Kuba keinem dieser Kriterien. Die Verteilung des Wohlstands ist offenkundig zunehmend ungerecht, und es gibt nicht einmal den Anschein direkter Demokratie unter Kontrolle der Arbeiterklasse, die sie meint.

aus marx21
Magazin für internationalen Sozialismus

Kommentare

Castros Insel folgt dem Modell China — 3 Kommentare

  1. In der letzten Ausgabe von Marx21 wurde unter dem Titel „Castros Insel folgt dem Modell China“ ein Artikel von Mike Gonzalez über die derzeitigen Debatten und Veränderungen in Kuba veröffentlicht. Aber statt zum Verständnis der spezifischen Konstellationen in und um Kuba beizutragen ergeht sich der Autor in Klischees, und dabei häufig solchen, wie sie auch in bürgerlichen, profitorientierten Medien gebraucht werden. Hinzu kommen zahlreiche sachliche Fehler und eklatante Fehlinterpretationen. Schon der Titel ist unzutreffend, und vor allem werden die zentralen Herausforderungen des heutigen Kuba weder dargelegt noch erörtert oder gar analysiert. Hervorzuheben ist z.B., dass völlig unerwähnt bleibt, dass sich über fast ein Jahr hinweg große Teile der KubanerInnen an der Diskussion der Perspektiven und seit Herbst an der Debatte über die Leitlinien beteiligt haben!
    Statt also die komplizierten, vielfältigen und die zum Teil als widersprüchlich empfundenen Wandlungsprozesse in Kuba angemessen und hinreichend zu beschreiben und deren Kontexte zu klären, ergeht sich der Autor in saloppen, um nicht zu sagen eurozentrisch-arroganten Statements, die keiner empirischen Basis, sondern offensichtlich alten ideologischen Rastern entstammen. Die Verhältnisse in Kuba sind allerdings weder mit RTL- oder CNN- (also CIA-)Klischees zu verstehen, noch mit Negativklischees und verquastem Vokabular (Bürokratie, „keinerlei Organe unabhängiger Klassenorganisation“). Und wenn der Autor in etlichen Passagen einen süffisanten, beleidigenden Ton anschlägt statt Fakten und Argumente abzuwägen und für die Leserinnen und Leser transparent zu machen, dann wird umso klarer, dass es ihm lediglich um eine höchstpersönliche Meinungsäußerung geht, um eine hämische Abrechnung mit einem (noch?) nicht verwirklichten Paradies, wie es in einigen alten Texten stand.
    Mike Gonzales entgeht dabei das karibisch sozialistische Wesen und die im Vergleich zu allen Nachbarländern teilweise hervorragenden Lebens- und Entwicklungsverhältnisse, die gegen dauernde Subversion und Aggression des Imperiums erreicht wurden. Für die Weiterentwicklung Kubas hilft eine selbsternannte „linke“ Rating-Agentur nicht weiter, sondern nur die Unterstützung von Bedingungen, damit sich das sozialistische Kuba so weiter entwickeln kann, wie es selbst möchte – egal wie US-Regierungen oder linke Akademiker darüber denken. Und genau jenes vom Imperium verletzte und unterminierte Selbstbestimmungsrecht Kubas ist wesentliches Ziel der weltweit agierenden Solidaritätsorganisationen für Kuba.

  2. Gleich in die Vollen: Der Aufsatz von Mike Gonzalez ist eine so massive Anhäufung von Realitätsferne, daß er jeden, der mit der Geschichte und den aktuellen Gegebenheiten auf Kuba halbwegs vertraut ist, zunächst fassungslos macht. „Castros Insel“, angeblich dem „Modell China (?)“ folgend, die „Beseitigung von 500.000 Arbeitsplätzen“, die Korruption der „hohen Beamten und Diplomaten“ und eine Vielzahl weiterer, boulevardjournalistisch anmutender Marktschreiereien disqualifizieren den Text nahezu vollständig. Der akademische Autor hat es nicht nötig, eine einzige seiner Behauptungen zu erläutern bzw. durch Fakten, Quellenangaben oder statistische Daten zu untermauern. Die den meisten gesellschaftlichen Phänomenen innewohnende Widersprüchlichkeit, deren Ursachen und Auswirkungen sowie ihre Wechselwirkung mit anderen Faktoren versucht er nicht einmal im Ansatz zu untersuchen und zu gewichten ̶ dann hätte seine Argumentation eine Daseinsberechtigung und wäre diskussionswürdig. Dieser Text ist es nicht. Jede einzelne seiner Aussagen zu relativieren oder in ihrem realen Kontext darzustellen würde seitenlange Auführungen erfordern.

    Interessant ist jedoch die Frage nach dem Warum. Möglicherweise ist Gonzalez ein Einpeitscher und seine Zielgruppe in erster Linie die Mitgliedschaft seiner eigenen linken Strömung. Vielleicht will er eine Identität stärkende Wirkung erzielen, das ideologische Korsett festzurren, in dem sich diese internationale Gruppierung bedauerlicherweise scheinbar auswegslos eingeigelt hat.

    Die Auseinandersetzung über die Einschätzung der stalinistischen Sowjetunion nach Stalin führte in den 50er Jahren zu einer Spaltung der auf Leo Trotzki zurückgehenden IV. Internationale. In dieser, angesichts der monströsen Fehlentwicklungen und Verbrechen unter Stalins Diktatur wichtigen und notwendigen Debatte legte sich die Tendenz um die jetzige Socialist Workers Party auf den Begriff „Staatskapitalismus“ fest, der sich als ein wesentliches Element der Abgrenzung von anderen linken Auffassungen verfestigt hat. Er dient dazu, jeden halbwegs fortgeschrittenen Anlauf zu einer sozialistischen Gesellschaft zu diffamieren und dessen Nicht-Sozialismus beweisen zu wollen, auch wenn dieser Begriff selbst im Artikel von Gonzalez garnicht eingesetzt wird. Wichtig zu erwähnen, dass die Kubanische Revolution zur Zeit dieser Debatten noch garnicht existierte. Später wurde sie dann problemlos mit anderen Gesellschaftsformen in die gleiche Schublade gequetscht. Dazu muss dann aber statt sachlicher Analyse jedes noch so abstruse Argument herhalten.

    Ihre Vorgehensweise hat nichts mit derjenigen von Theoretikern wie Marx, Lenin oder Trotzki zu tun, auf die sich diese Leute so gerne beziehen. Deren kreatives und analytisches Denken war der Suche nach Wahrheit verpflichtet. Der Begriff „Staatskapitalismus“, der in den frühen Jahren der Sowjetunion bei manchen Autoren und in unterschiedlichen Interpretationen eine gewisse Konjunktur erlebte, um Probleme der Übergangsgesellschaft zum Sozialismus zu charakterisieren, wurde beispielsweise von Lenin oder Trotzki nur ansatzweise benutzt und schon garnicht vertieft. Sie waren sich der ihm innewohnenden Widersprüchlichkeit und seiner mangelnden Tauglichkeit offensichtlich bewusst.

    Auch die leider viel zu jung verstorbene Kubanerin Celia Hart war eine ernsthafte Autorin und es passt zur fragwürdigen Methode von Gonzalez, dass er sie mit zwei aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten als angebliche Zeugin für seine Anwürfe zu instrumentalisieren sucht. Hart hat engagiert auf potentielle Gefahren für den kubanischen Sozialismus hingewiesen, die sie aus ihrem eigenen Erleben als Studentin in der DDR, dem Kollaps des europäischen Realsozialismus und den Analysen Trotzkis zur Sowjetgesellschaft herleitete. Sie hat sich jedoch nie vereinnahmen lassen für Rundumschläge gegen die kubanische Revolution, mit der sie sich uneingeschränkt identifizierte und die sie vorantreiben wollte. Sie wusste um die Qualität der Veränderungen in ihrem Land und hatte den Mut, die vielfältigen Hindernisse, die sich ihrer Gesellschaft in den Weg stellen, in konstruktiver und vorausschauender Weise zu benennen.

    Blinde Dogmatik leistet hingegen keinerlei ernsthaften Beitrag zu einer Neuformierung marxistischer Kräfte im 21. Jahrhundert.

  3. Kommentar/Leserbrief zu den NCN vom 25.06.2011

    Von Heinz-W. Hammer, Essen, 07.07.2011

    Mit den NCN vom 25.06.2011 wurde seitens der Redaktion der Beitrag »Castros Insel folgt dem Modell Chinas« ausdrücklich als »diskussionswürdiger deutscher Artikel« empfohlen und verlinkt. Autor ist Prof. Mike Gonzalez von der Uni Glasgow. Sein Artikel erschien im Original auf der Seite der englischen trotzkistischen Partei Socialist Workers Party (SWP) und auf deutsch auf der Seite der Schwesterorganisation Marx21, hervorgegangen aus der entristischen Gruppe »Linksruck«.

    Nun ist allgemein bekannt (oder sollte es zumindest sein), dass die trotzkistischen Gruppen seit jeher offen zur Konterrevolution in Cuba aufrufen (»Arbeiterklasse vs. Bürokratie« usw.). Entsprechenden Inhalts ist auch der hier präsentierte Text, was an nur einigen wenigen Beispielen beleuchtet werden soll:

    Da wird bspw. von einem »dynastischen Machtübergang von Bruder zu Bruder« gefaselt, von »zeremoniellen Abstimmungen (…) niemals demokratische Wahlen«.
    Bekrittelt wird jedoch zugleich die cubanische Basisdemokratie: »Auf dem Parteitag im April waren 1.000 Delegierte anwesend. Die Wahl der Delegierten hatte jedoch in den Parteigliederungen aufgrund von Listen zugelassener Kandidaten stattgefunden«. Komplett verschwiegen wird der dem VI. Parteitag vorangegangene Ausdruck eines höchst lebendigen Demokratie, wie sie Rainer Schultz in seinem (ansonsten durchaus diskussionswürdigen) Beitrag für die RL-Stiftung skizziert: »Von Anfang Dezember 2010 bis Ende Februar 2011 wurden diese Leitlinien dann, so die offiziellen Zahlen, in 163.000 Versammlungen mit insgesamt fast neun Millionen Beteiligten diskutiert. Im Ergebnis wurden zwei Drittel der Texte umformuliert, die wiederum zunächst dem Politbüro, dem Ministerrat und Vertretern der Massenorganisationen vorgelegt und erneut abgeändert wurden, bevor sie auf dem Parteitag dann von verschiedenen thematischen Kommissionen behandelt wurden.«

    Nach Lesart des trotzkistischen Professors wurden Roberto Robaina und Carlos Lage nicht etwa wegen bewiesenen Fehlverhaltens im März 2009 von ihren Posten entbunden, sondern »verschwanden so schnell, wie sie aufgetaucht sind, ganz nach Laune der Führung«. »Schnell aufgetaucht«? Lage war bspw. seit 1979 Mitglied des Parlaments, Robaina seit 1986 UJC-Vorsitzender und seit 1993 Außenminister. So viel zur Recherchekompetenz des Herrn Professor.

    Weiter in dessen Hassbeitrag: Er spricht die ökonomischen Probleme an und zitiert den »Romanschriftsteller Leopoldo Padura Fuentes …« (tatsächlich lautet der Vorname dieses Schriftstellers, der sein Geld mit depressiven Cuba-Schilderungen verdient, Leonardo) »… sind deshalb Diebstahl und Korruption allgemein verbreitet.« Indem er ausschließlich den Schriftsteller zitiert, verschweigt er gezielt, dass genau diese Probleme von Präsident Raúl Castro selbst immer wieder angesprochen werden. Dieses Eingeständnis passte aber nicht in das Bild, dass der Autor von Cubas Führung zu malen versucht. Denn diese sei schließlich »eine privilegierte Minderheit (…) Sie schwelgen im Shopping in den Dollarshops und Einkaufszentren« und sei »eine herrschende Klasse (…), die sich seit über fünf Jahrzehnten an der Macht gehalten hat.«

    Sodann läuft Gonzalez zur Hochform auf, indem er den »freien Zugang [der Arbeiterinnen und Arbeiter] zu Bildung und Gesundheitswesen« in Abrede stellt, den »Verfall des kubanischen Gesundheitswesens« konstatiert und rund 11 Mio. Cubanerinnen wie folgt pauschal beschimpft: »Wer nicht ins Ausland gegangen ist (wo in Dollar gezahlt wird), ist in die Tourismusbranche gewechselt, um als Taxifahrer, Touristenführer oder Sexarbeiter Dollar zu verdienen.«

    Auch der cubanische Internationalismus, um den »viel Aufhebens« gemacht würde, sei kein echter, sondern nur »ein wichtiges Exportgut für Kuba«, also rein kommerzieller Natur. [Nelson Mandela hingegen, so zitiert ihn Schultz in seinem o.g. Text, schätzte ein: »Die kubanischen Internationalisten sind eine Inspiration aller gerechtigkeitsliebenden Menschen«]

    All diese »Argumente« sind nicht neu, sondern werden seit langem von der konterrevolutionären Mafia in Miami ebenso propagiert wie von den CIA-Söldnern auf der Insel selbst.

    Da kann es dann auch nicht mehr verwundern, wenn der Herr Professor schließlich auf den Punkt kommt: »Wie kann die Arbeiterklasse ihre eigenen Interessen organisieren und sich gegen die harten Maßnahmen des kubanischen Staates wehren?« Es geht also um Konterrevolution. Als Referenzgruppe werden ausgerechnet die monarchistischen NATO-Bodentruppen in Libyen angeführt: »Die Reaktion Fidel Castros, Hugo Chávez’ und Nicaraguas Daniel Ortegas auf die libyschen Ereignisse hat Sozialisten und Aktivisten überall auf der Welt verblüfft und beunruhigt. Es stimmt natürlich, dass der Widerstand in Libyen wie der aufkeimende Widerstand auf Kuba, politisch unscharf ist, facettenreich und manchmal widersprüchlich (…)Die jetzige »Schule der Revolution« ist jedoch ein fruchtbarer Boden, auf dem solche Bewegungen wachsen werden.« [Hervorhebungen von mir – hwh]

    Das Pamphlet des Herrn Gonzalez passt zur Homepage seiner trotzkistischen Organisation. Er passte auch sehr gut zur rechtextremen IGfM und anderen konterrevolutionären Gruppierungen. Eine Verlinkung auf der Seite des NETZWERK CUBA – Informationsbüro – e.V. als »diskussionswürdiger Artikel« jedoch ist unter keinen Umständen akzeptabel.

    Mit internationalistischem Gruß

    Heinz-W. Hammer, Essen

    P.S.: Da in diesem »Kommentar«-Bereich keine Textformatierungen angezeigt werden, wird der Text parallel in formatierter Fassung eingesandt.